Pulsdruck verstehen: Was die Differenz Ihrer Werte verrät
Bei jeder Blutdruckmessung erhalten Sie zwei Zahlen – zum Beispiel 120 zu 80 mmHg. Die meisten Menschen schauen nur auf diese beiden Werte einzeln. Dabei steckt in ihrem Abstand eine dritte Information, die in der Medizin zunehmend Beachtung findet: der Pulsdruck. Er verrät etwas darüber, wie elastisch Ihre großen Gefäße sind – und wie gut Ihr Kreislauf den Druckstoß abfedert, den jeder einzelne Herzschlag erzeugt.
Was ist der Pulsdruck – und wie berechnen Sie ihn?
Der Pulsdruck ist schlicht die Differenz zwischen dem oberen (systolischen) und dem unteren (diastolischen) Wert. Die Rechnung schaffen Sie ohne Taschenrechner: Bei 120 zu 80 mmHg beträgt der Pulsdruck 40 mmHg. Bei 135 zu 85 sind es 50 mmHg – bei 160 zu 70 dagegen schon 90 mmHg, obwohl der untere Wert hier sogar niedrig aussieht.
Als unauffällig gilt bei Erwachsenen in Ruhe grob ein Bereich von 30 bis 50 mmHg. Wichtig ist dabei: Eine einzelne Messung sagt wenig aus. Nach dem Treppensteigen, bei Aufregung oder direkt nach dem Kaffee steigt vor allem der systolische Wert vorübergehend an – und mit ihm die Differenz. Aussagekräftig wird der Pulsdruck erst, wenn Sie ihn über mehrere Wochen aus Ruhemessungen ermitteln.

Warum die Differenz mit dem Alter oft wächst
Um den Pulsdruck zu verstehen, hilft ein Blick auf die Hauptschlagader. Die Aorta ist bei jungen Menschen elastisch wie ein Gartenschlauch aus weichem Gummi. Wenn das Herz Blut auswirft, dehnt sie sich und nimmt einen Teil des Druckstoßes auf. In der Entspannungsphase des Herzens zieht sie sich wieder zusammen und schiebt das gespeicherte Blut weiter. Mediziner nennen das die Windkesselfunktion. Sie sorgt dafür, dass der obere Wert nicht zu hoch und der untere nicht zu niedrig ausfällt – die Differenz bleibt moderat.
Mit den Jahren verlieren die Gefäßwände Elastizität: Elastische Fasern werden abgebaut, Kalk und Bindegewebe lagern sich ein. Eine steife Aorta kann den Druckstoß kaum noch abfedern. Die Folge: Der systolische Wert steigt, während der diastolische eher sinkt – die Schere geht auseinander. Deshalb ist ein hoher Pulsdruck vor allem bei Menschen ab etwa 60 verbreitet, oft in Form der sogenannten isolierten systolischen Hypertonie, bei der nur der obere Wert erhöht ist. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag über den Einfluss des Alters auf den Blutdruck.

Welche Werte gelten als auffällig?
Dauerhaft hoher Pulsdruck
Liegt die Differenz in Ruhe wiederholt bei 60 mmHg oder darüber, gilt das – besonders im höheren Lebensalter – als Hinweis auf versteifte Gefäße. Die europäischen Fachgesellschaften werten einen solchen Pulsdruck bei älteren Menschen als zusätzlichen Risikomarker für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Entscheidend bleibt aber immer das Gesamtbild: Ein Pulsdruck von 60 mmHg bei 180 zu 120 bedeutet etwas völlig anderes als bei 130 zu 70. Ordnen Sie Ihre absoluten Werte deshalb zuerst anhand der Klassifikation der Blutdruckwerte ein – der Pulsdruck ist eine Zusatzinformation, kein Ersatz dafür.
Ungewöhnlich niedriger Pulsdruck
Eine Differenz deutlich unter etwa 30 mmHg ist seltener und in vielen Fällen schlicht ein Messproblem. Tritt sie jedoch wiederholt auf und kommen Beschwerden wie ausgeprägte Schwäche, Schwindel oder Luftnot bei Belastung hinzu, sollte ärztlich geklärt werden, ob das Herz genug Blut pro Schlag auswirft. Aus einem einzelnen niedrigen Wert lässt sich das nicht ablesen – ein wiederkehrendes Muster mit Symptomen ist dagegen ein guter Grund für einen Termin.
Was Sie selbst tun können
Der erste Schritt ist eine saubere Datengrundlage. Messen Sie morgens und abends nach fünf Minuten Ruhe im Sitzen, mit passender Manschette auf Herzhöhe, und notieren Sie stets beide Werte – nur so lässt sich die Differenz überhaupt beurteilen. Wie das im Detail geht, zeigt die Anleitung zum richtigen Blutdruckmessen; typische Stolperfallen wie eine zu kleine Manschette oder Messen über dem Ärmel finden Sie unter den häufigen Fehlern bei der Blutdruckmessung.
Für die Gefäßelastizität selbst gilt: Was den Blutdruck insgesamt schützt, schützt auch die Gefäßwand. Regelmäßige Ausdauerbewegung wie zügiges Gehen oder Radfahren, weniger Salz und eine gemüsebetonte Kost nach dem Vorbild der DASH-Ernährung, Verzicht auf Rauchen, maßvoller Alkoholkonsum und ein normnahes Gewicht können erhöhten Blutdruck um einige mmHg senken – konkrete Ansätze finden Sie in den Tipps zur Senkung des Blutdrucks. Ein Wundermittel, das gezielt nur den Pulsdruck verkleinert, gibt es dagegen nicht – und die Auswahl blutdrucksenkender Medikamente gehört in ärztliche Hand, gerade wenn der untere Wert bereits niedrig ist.
Wann Sie ärztlichen Rat brauchen
Lassen Sie Ihre Werte ärztlich abklären, wenn bei Ihren Messungen zu Hause der obere Wert wiederholt 135 mmHg oder mehr beträgt oder der untere 85 mmHg oder mehr – in der Arztpraxis gelten die Schwellen 140 beziehungsweise 90 mmHg – oder wenn die Differenz dauerhaft 60 mmHg oder mehr beträgt. Werte von 180 zu 110 mmHg oder mehr mit Beschwerden wie Brustschmerz, Atemnot, Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen sind ein Notfall: Zögern Sie nicht, den Notruf 112 zu wählen. Treten derart hohe Werte ohne solche Beschwerden auf, kommen Sie zur Ruhe, messen Sie nach einigen Minuten erneut und lassen Sie die Werte zeitnah ärztlich abklären.
Besondere Vorsicht gilt in der Schwangerschaft. Neu auftretender Bluthochdruck gehört hier immer in ärztliche Betreuung, denn er kann auf eine Präeklampsie hinweisen. Bei Warnzeichen wie starken Kopfschmerzen, Augenflimmern, Schmerzen im Oberbauch oder rasch zunehmenden Wassereinlagerungen sollten Schwangere umgehend ihre Frauenärztin, ihren Frauenarzt oder die Klinik kontaktieren – unabhängig davon, wie groß die Differenz der Werte ist.
Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Besprechen Sie Ihre Messwerte und alle Beschwerden mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.