Oberarm oder Handgelenk: Welches Blutdruckmessgerät ist besser?
Wer seinen Blutdruck regelmäßig zu Hause kontrolliert, steht früher oder später vor der Frage: klassisches Oberarmgerät mit Manschette oder kompaktes Handgelenkgerät? Die kurze Antwort vorweg: Oberarmgeräte gelten in den europäischen Leitlinien als erste Wahl, weil sie im Alltag zuverlässiger messen. Handgelenkgeräte sind jedoch nicht grundsätzlich schlecht – sie verzeihen nur deutlich weniger Anwendungsfehler. Dieser Artikel erklärt, worin sich beide Bauarten technisch unterscheiden, für wen welches Gerät sinnvoll ist und wie Sie mit beiden zu verlässlichen Werten kommen.

Warum der Messort den Unterschied macht
Fast alle Heimgeräte arbeiten oszillometrisch: Die Manschette pumpt sich auf, drückt die Arterie kurzzeitig zusammen und registriert beim Ablassen der Luft die feinen Druckschwankungen, die der Puls in der Gefäßwand erzeugt. Aus diesem Schwingungsmuster berechnet das Gerät den systolischen und den diastolischen Wert.
Der entscheidende Unterschied ist der Messort. Am Oberarm wird die große, herznahe Oberarmarterie erfasst – dasselbe Gefäß, an dem auch in Arztpraxen und in den großen Blutdruckstudien gemessen wird. Am Handgelenk misst das Gerät an der deutlich dünneren Speichenarterie. Je weiter die Pulswelle vom Herzen entfernt ist, desto stärker verändert sie ihre Form; die Berechnung wird dadurch fehleranfälliger.
Hinzu kommt ein einfacher physikalischer Effekt: Die Manschette muss sich auf Herzhöhe befinden. Pro Zentimeter darüber oder darunter verschiebt sich der Messwert um knapp 1 mmHg. Ein Oberarm liegt beim aufrechten Sitzen fast automatisch richtig. Ein Handgelenk dagegen nicht: Ruht die Hand im Schoß, liegt sie schnell 15 bis 20 Zentimeter zu tief – die Anzeige fällt dann um gut 10 bis 15 mmHg zu hoch aus. Aus einem tatsächlichen Wert von 120 zu 80 mmHg wird so auf dem Display scheinbar ein erhöhter Blutdruck.
Oberarmgeräte: der Standard für zuverlässige Werte
Fachgesellschaften wie die Europäische Gesellschaft für Hypertonie und die Deutsche Hochdruckliga empfehlen für die Selbstmessung bevorzugt validierte Oberarmgeräte. Der Grund: Die Messung am herznahen, großen Gefäß ist robuster gegenüber Haltungsfehlern, und für Oberarmgeräte liegen die meisten klinischen Prüfungen vor. Wenn Ihre Ärztin oder Ihr Arzt Therapieentscheidungen auf Ihre Heimmesswerte stützt, ist das Oberarmgerät deshalb die sicherere Basis.
Wichtig ist die passende Manschette: Sie sollte zum gemessenen Oberarmumfang passen, denn eine zu kleine Manschette zeigt systematisch zu hohe, eine zu große eher zu niedrige Werte an. Viele Hersteller bieten neben der Standardgröße auch XL-Manschetten an. Eine unpassende Manschette gehört zu den häufigsten Fehlern bei der Blutdruckmessung überhaupt.
Nachteile haben Oberarmgeräte auch: Sie sind größer, der Arm muss freigemacht werden, und das Aufpumpen kann bei sehr hohem Blutdruck oder empfindlichen Armen unangenehm sein.
Handgelenkgeräte: praktisch, aber anspruchsvoller in der Anwendung
Handgelenkgeräte punkten mit Komfort: Sie sind klein, leicht, passen in jede Reisetasche und lassen sich ohne Ausziehen anlegen. Sinnvoll sind sie vor allem, wenn am Oberarm keine Manschette richtig sitzt – etwa bei sehr kräftigen oder stark kegelförmigen Oberarmen – oder wenn das Aufpumpen am Oberarm Schmerzen bereitet.
Der Preis dafür ist eine fehleranfälligere Messung. Das Handgelenk muss während der gesamten Messung ruhig auf Herzhöhe gehalten werden, am besten mit abgestütztem Ellenbogen. Schon leichte Bewegungen der Finger oder ein abgeknicktes Handgelenk können das Ergebnis verfälschen.
Eine wichtige Einschränkung kommt hinzu: Bei ausgeprägter Gefäßverkalkung, wie sie im höheren Alter und bei langjährigem Diabetes häufiger vorkommt, sind die Arterien am Handgelenk mitunter so versteift, dass das Gerät keine plausiblen Werte mehr liefert. Wer ein Handgelenkgerät nutzt, sollte die eigenen Werte deshalb mindestens einmal mit einer Oberarm- oder Praxismessung vergleichen lassen.

Für wen eignet sich welches Gerät?
- Oberarmgerät: die erste Wahl für die meisten Menschen – besonders für Ältere, Menschen mit Diabetes oder Herzrhythmusstörungen und für alle, deren Messwerte in ärztliche Entscheidungen einfließen.
- Handgelenkgerät: eine brauchbare Alternative für unterwegs, bei sehr großem Oberarmumfang oder wenn die Oberarmmessung Schmerzen bereitet – vorausgesetzt, die Haltung auf Herzhöhe wird konsequent eingehalten.
Achten Sie beim Kauf in beiden Fällen auf eine klinische Validierung, zum Beispiel das Prüfsiegel der Deutschen Hochdruckliga. Nützlich sind außerdem eine Arrhythmie-Erkennung, ein Speicher für zwei Personen und eine Mittelwertfunktion.
Zwei Situationen gehören unabhängig vom Gerätetyp in ärztliche Hände: In der Schwangerschaft sind viele Heimgeräte nicht ausreichend geprüft, und ein erhöhter Blutdruck kann dann auf eine Präeklampsie hindeuten. Treten zusätzlich Kopfschmerzen, Sehstörungen oder plötzliche Wassereinlagerungen auf, sollten Sie umgehend Ihre Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt kontaktieren. Und wer nach einigen Minuten Ruhe erneut Werte von 180 zu 110 mmHg oder mehr misst, sollte noch am selben Tag ärztlichen Rat einholen; treten zusätzlich Beschwerden wie Brustschmerz, Atemnot oder Schwindel auf, wählen Sie sofort den Notruf 112.
So holen Sie aus jedem Gerät verlässliche Werte heraus
Die beste Technik nützt wenig ohne eine saubere Messroutine: Messen Sie nach etwa fünf Minuten Ruhe im Sitzen, mit angelehntem Rücken, beiden Füßen auf dem Boden und ohne dabei zu sprechen. Kaffee, Nikotin und körperliche Anstrengung können die Werte noch rund 30 Minuten später verfälschen. Eine ausführliche Anleitung finden Sie im Beitrag zum richtigen Blutdruckmessen; welche festen Messzeiten sinnvoll sind, erläutert der Artikel Wann misst man den Blutdruck am besten?
Notieren Sie Ihre Werte konsequent, zum Beispiel in einer ausdruckbaren Blutdrucktabelle, und ordnen Sie sie anhand der offiziellen Klassifikation der Blutdruckwerte ein. So erkennen Sie und Ihre Arztpraxis Trends deutlich zuverlässiger als an einzelnen Momentaufnahmen.
Fazit: Wenn Sie neu kaufen und nichts Besonderes dagegenspricht, ist ein validiertes Oberarmgerät mit passender Manschette die beste Wahl. Ein sorgfältig benutztes Handgelenkgerät ist jedoch allemal besser als gar keine Messung – das beste Gerät ist letztlich das, mit dem Sie regelmäßig und korrekt messen.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Besprechen Sie auffällige oder stark schwankende Messwerte sowie die Wahl des passenden Geräts mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.