Der hypotone Blutdruck: niedrige Werte richtig einordnen

Von niedrigem Blutdruck — Hypotonie — spricht man, wenn beide Werte deutlich unter dem üblichen Bereich liegen. Unsere Skala zieht die Linie dort, wo der obere (systolische) Wert unter 105 mmHg und der untere (diastolische) unter 60 mmHg liegt; gebräuchliche Definitionen setzen die Schwelle je nach Quelle zwischen 100 und 110 systolisch an, eine scharfe internationale Grenze gibt es nicht. Und das aus gutem Grund: Anders als beim Bluthochdruck ist die Zahl allein hier fast bedeutungslos. Niedriger Blutdruck ohne Beschwerden ist keine Krankheit — bei vielen Menschen, besonders bei jungen, schlanken Frauen und bei Ausdauertrainierten, ist er schlicht der Normalzustand und geht statistisch sogar mit einer hohen Lebenserwartung einher.

Systoleniedrig105120130140160180unter 105 mmHgDiastoleniedrig60808590100110unter 60 mmHg
Der hypotone Bereich auf der Skala: systolisch unter 105, diastolisch unter 60 mmHg.

Beide Werte müssen niedrig sein

Eine Besonderheit dieser Kategorie: Sie greift nur, wenn beide Werte unter ihrer Schwelle liegen. 100 zu 55 ist hypoton — 100 zu 65 dagegen nicht, denn der untere Wert liegt im optimalen Bereich und trägt die Messung. Das folgt derselben Logik wie überall auf der Skala: Eingestuft wird nach dem höher liegenden Wert, und ein einzelner niedriger Wert ist kein eigenes Signal. Auch ein auffällig kleiner Abstand zwischen beiden Werten — etwa bei 95 zu 75 — ist eine eigene Konstellation, die die jeweilige Wertseite erklärt.

keine messbare Kombination4050607080901001101206080100120140160180200diastolisch (unterer Wert) in mmHgsystolisch in mmHgniedrigniedrigoptimalnormalhoch-normalGrad 1Grad 2Grad 3
Das hypotone Feld in der Klassifikationsebene: die Ecke links unten, in der beide Werte niedrig sind.

Wann niedrige Werte Beschwerden machen

Probleme entstehen nicht durch die Zahl, sondern wenn das Gehirn kurzzeitig zu wenig Durchblutung bekommt. Typisch sind Schwindel oder Schwarzwerden vor den Augen beim schnellen Aufstehen (orthostatische Hypotonie), Müdigkeit und Konzentrationsschwäche, kalte Hände und Füße, gelegentlich Ohrensausen oder morgendliche Anlaufschwierigkeiten. Verstärkt wird das durch Hitze (die Gefäße weiten sich), durch Flüssigkeitsmangel, längeres Stehen, Alkohol, größere Mahlzeiten — und durch manche Medikamente, darunter Blutdrucksenker, Entwässerungs- und Beruhigungsmittel.

Der klassische Moment der Hypotonie: schnelles Aufstehen. Wer langsam aufsteht und vorher die Beine aktiviert, nimmt dem Kreislauf die Schrecksekunde.

Was nachweislich hilft

Beschwerden durch niedrigen Blutdruck lassen sich meist ohne Medikamente gut in den Griff bekommen — die Maßnahmen sind unspektakulär, aber wirksam:

Typische Werte im hypotonen Bereich

104 zu 59 liegt direkt an der Kante: Ein mmHg mehr beim unteren Wert, und 104 zu 60 zählt bereits zum optimalen Bereich — ein schönes Beispiel dafür, wie wenig sich zwischen zwei Kategorien tatsächlich ändert, wenn keine Beschwerden im Spiel sind.

Wann niedrige Werte ärztlich gehören

Aufmerksamkeit verdient die Hypotonie in vier Situationen. Erstens: echte Ohnmachten (Synkopen) — jede Bewusstlosigkeit gehört ärztlich abgeklärt, auch die scheinbar harmlose. Zweitens: Der Blutdruck war früher normal und ist ohne erkennbaren Grund dauerhaft gefallen — dahinter können Herzerkrankungen, Hormonstörungen, Infektionen oder Blutarmut stehen. Drittens: Die Beschwerden treten unter neuen oder geänderten Medikamenten auf — dann prüft die Praxis die Dosierung, bitte nichts eigenmächtig absetzen. Viertens: Schwangerschaft — niedriger Druck ist dort häufig und meist harmlos, gehört aber in die reguläre Vorsorge; mehr im Beitrag Blutdruck in der Schwangerschaft.

Für alle anderen gilt die entspannteste Botschaft dieser Website: Wer mit 95 zu 60 durchs Leben geht und sich gut fühlt, hat keinen Befund — sondern einen Blutdruck, um den ihn viele beneiden. Ein gelegentlicher Blick ins Journal genügt, um sicherzugehen, dass es dabei bleibt.

Quellen

Zuletzt geprüft: August 2026. Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Beratung — bei Fragen zu Ihren Werten wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.