Blutdruck in der Schwangerschaft: Normalwerte und Warnzeichen
Kaum eine Lebensphase fordert das Herz-Kreislauf-System so stark wie eine Schwangerschaft: Das Blutvolumen nimmt um etwa 30 bis 50 Prozent zu, das Herz pumpt deutlich mehr Blut pro Minute, und mit der Plazenta muss ein völlig neues Organ durchblutet werden. Bei den meisten Frauen bleibt der Blutdruck dabei trotzdem unauffällig. Etwa 5 bis 10 Prozent aller Schwangeren entwickeln jedoch eine Bluthochdruckerkrankung, die für Mutter und Kind ernste Folgen haben kann. Dieser Artikel erklärt, welche Werte normal sind, warum sich der Blutdruck im Verlauf der Schwangerschaft verändert – und bei welchen Warnzeichen Sie nicht abwarten sollten.
Warum sich der Blutdruck in der Schwangerschaft verändert
Verantwortlich ist vor allem das Hormon Progesteron: Es entspannt die Muskulatur der Gefäßwände, die Blutgefäße weiten sich, und der Widerstand, gegen den das Herz anpumpen muss, sinkt. Deshalb fällt der Blutdruck in der ersten Schwangerschaftshälfte typischerweise leicht ab – häufig um etwa 5 bis 10 mmHg, wobei der untere (diastolische) Wert meist stärker sinkt als der obere. Seinen tiefsten Punkt erreicht der Blutdruck oft um die Schwangerschaftsmitte, ungefähr zwischen der 20. und 24. Woche.
In der zweiten Schwangerschaftshälfte steigt der Druck langsam wieder an und erreicht zum Geburtstermin meist wieder ungefähr sein Ausgangsniveau. Genau dieser Verlauf macht die Beurteilung manchmal schwierig: Eine Frau mit bislang unerkanntem Bluthochdruck kann in der Frühschwangerschaft scheinbar normale Werte haben, weil der hormonelle Effekt die erhöhten Werte vorübergehend maskiert.

Welche Werte sind normal – und ab wann wird es kritisch?
Für Schwangere gelten grundsätzlich dieselben Grenzwerte wie für alle Erwachsenen. Als günstig gilt ein Wert um 120 zu 80 mmHg; eine Übersicht aller Stufen finden Sie in unserer Klassifikation der Blutdruckwerte. Zwei Schwellen sollten Sie sich merken:
- Ab 140/90 mmHg (bei wiederholten Messungen) gilt der Blutdruck auch in der Schwangerschaft als zu hoch. Sprechen Sie zeitnah mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt – auch dann, wenn Sie sich völlig wohlfühlen.
- Ab 160/110 mmHg handelt es sich um eine schwere Hypertonie. Nehmen Sie noch am selben Tag ärztlichen Kontakt auf, im Zweifel direkt mit der Geburtsklinik.
Wichtig: In der Schwangerschaft zählt nicht nur die absolute Höhe, sondern auch die Dynamik. Ein Anstieg von beispielsweise 105/65 auf 135/85 mmHg innerhalb weniger Wochen liegt bei der Messung in der Praxis formal noch unterhalb der Hypertonie-Schwelle von 140/90 mmHg, gilt aber bereits als hoch-normal; bei der Selbstmessung zu Hause ist ab 135/85 mmHg die Hypertonie-Schwelle sogar schon erreicht. Ein solcher Verlauf sollte daher engmaschiger kontrolliert werden. Aus gutem Grund werden deshalb bei jeder Vorsorgeuntersuchung Blutdruck und Urin (auf Eiweiß) geprüft und im Mutterpass dokumentiert.
Bluthochdruck in der Schwangerschaft: drei Formen, ein gefährlicher Sonderfall
Ärztinnen und Ärzte unterscheiden im Wesentlichen drei Situationen: Bestand der Bluthochdruck schon vor der Schwangerschaft oder zeigt er sich vor der 20. Woche, spricht man von chronischer Hypertonie. Steigt der Druck erst nach der 20. Woche, ohne dass Organe beteiligt sind, handelt es sich um eine Schwangerschaftshypertonie – sie bildet sich nach der Geburt meist zurück. Kommen zum erhöhten Druck jedoch Eiweiß im Urin oder andere Organzeichen hinzu, liegt eine Präeklampsie vor.
Bei der Präeklampsie ist der hohe Blutdruck nicht die Ursache, sondern ein Symptom: Die Gefäße der Plazenta haben sich unzureichend entwickelt, das Organ wird schlechter durchblutet und setzt Botenstoffe frei, die die Blutgefäße der Mutter verengen und deren Innenwände schädigen. Genau deshalb lässt sich eine Präeklampsie nicht einfach „wegsenken“ – sie muss ärztlich überwacht und behandelt werden, in schweren Fällen in der Klinik.
Diese Warnzeichen gehören sofort in ärztliche Hände
- starke, anhaltende Kopfschmerzen, die auf übliche Maßnahmen nicht ansprechen
- Sehstörungen wie Augenflimmern, Lichtblitze oder verschwommenes Sehen
- Schmerzen im Oberbauch, besonders rechts unter den Rippen
- plötzliche Wassereinlagerungen in Gesicht und Händen oder eine rasche Gewichtszunahme von mehr als etwa einem Kilogramm pro Woche
- neu auftretende Übelkeit oder Erbrechen in der zweiten Schwangerschaftshälfte
- deutlich weniger Kindsbewegungen als gewohnt
Treten solche Beschwerden auf – erst recht zusammen mit erhöhten Messwerten –, warten Sie nicht bis zum nächsten Vorsorgetermin: Rufen Sie Ihre Frauenarztpraxis an oder fahren Sie direkt in die Geburtsklinik. Eine Präeklampsie kann sich innerhalb weniger Tage deutlich verschärfen. Ein erhöhtes Risiko haben unter anderem Erstgebärende, Frauen über 40, Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften, deutlichem Übergewicht, Diabetes, Nierenerkrankungen, vorbestehendem Bluthochdruck oder einer Präeklampsie in einer früheren Schwangerschaft. Sprechen Sie in diesen Fällen früh mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über eine engere Überwachung.
Niedriger Blutdruck: meist harmlos, aber lästig
Deutlich häufiger als zu hohe Werte sind in der ersten Schwangerschaftshälfte zu niedrige. Werte unter etwa 105 zu 60 mmHg gelten als hypotoner Blutdruck; typisch sind Schwindel beim Aufstehen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme. Solange die Vorsorgeuntersuchungen unauffällig sind und Sie sich insgesamt wohlfühlen, ist das in der Regel kein Grund zur Sorge. Praktisch helfen langsames Aufstehen, ausreichendes Trinken, mehrere kleine Mahlzeiten, moderate Bewegung und gegebenenfalls Kompressionsstrümpfe.
Eine Besonderheit gibt es im letzten Schwangerschaftsdrittel: Liegt die werdende Mutter flach auf dem Rücken, kann die Gebärmutter die große Hohlvene abdrücken, sodass weniger Blut zum Herzen zurückfließt. Wird Ihnen im Liegen schwindelig oder übel, drehen Sie sich auf die linke Seite – das entlastet die Vene fast sofort.
Selbst messen und vorbeugen: Was Sie konkret tun können
Ein validiertes Oberarmgerät für zu Hause macht Veränderungen früh sichtbar. Messen Sie am besten täglich zur gleichen Zeit, nach fünf Minuten Ruhe im Sitzen – wie das genau geht, zeigt unsere Anleitung zum richtigen Blutdruckmessen; die häufigsten Messfehler wie eine zu kleine Manschette oder Messen direkt nach dem Treppensteigen sollten Sie kennen. Notieren Sie die Werte, etwa mit einer Blutdrucktabelle zum Ausdrucken, und bringen Sie die Aufzeichnungen zu jedem Vorsorgetermin mit.

Zwei Dinge sollten Sie in der Schwangerschaft ausdrücklich nicht tun: Erstens sollten Sie Blutdruckmedikamente niemals eigenmächtig einnehmen, absetzen oder umstellen – einige gängige Wirkstoffe wie ACE-Hemmer und Sartane sind für Schwangere ungeeignet, weshalb Frauen mit bekanntem Bluthochdruck ihre Medikation idealerweise schon bei Kinderwunsch ärztlich prüfen lassen. Zweitens sollten Sie erhöhten Werten nicht mit strengen Diäten oder radikalem Salzsparen begegnen; sinnvoll sind stattdessen eine ausgewogene Ernährung, moderate Bewegung nach ärztlicher Rücksprache und der Verzicht auf Alkohol und Nikotin – in der Schwangerschaft ohnehin selbstverständlich.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei erhöhten Werten oder Warnzeichen in der Schwangerschaft wenden Sie sich bitte immer an Ihre Frauenärztin, Ihren Frauenarzt oder die Geburtsklinik.